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Wider den Bekenntniszwang

Eine Anekdote über den Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr berichtet von einem Hufeisen, das über seiner Tür hing. Ein Kollege sprach ihn darauf an. Ob er denn tatsächlich an so etwas glaube? „Nein, natürlich nicht“, soll Bohr geantwortet haben, „aber man hat mir versichert, dass es auch wirkt, wenn man nicht daran glaubt." Ich las diese Anekdote in der Zeit, als ich an einer chinesischen Universität unterrichtete. Viele der Studierenden sahen sich selbst, ganz im Sinne der kommunistischen Erziehung, die sie erfahren hatten, als Atheisten. Das hinderte manche von ihnen nicht daran, vor einer wichtigen Prüfung in den Tempel zu gehen und Räucherstäbchen abzubrennen. So wurde mir klar, dass nicht nur ich solche Widersprüche kenne. Egal für oder gegen welchen Glauben ich mich bewusst entscheide, in meinem Unbewussten wirkt auch das weiter, gegen das ich mich entschieden habe. Ich stamme aus einer katholischen Familie und war als Kind sehr fromm. Als Jugendlicher verwande...

Denkformen

Denken wird oft mit begrifflichem Denken gleichgesetzt, mit der kreativen Verkettung von Begriffen. Aber auch andere kreative Verkettungen sind Formen des Denkens. Wenn ich auf der Gitarre improvisiere, verkette ich Töne zu Tonfolgen. Ich befinde mich dann in einem kreativen Prozess, der völlig ohne Begrifflichkeiten auskommt. Mehr noch, wenn ich wirklich in der Musik aufgehe, ist mein begriffliches Denken ausgeschaltet.   Auch bildliche Vorstellungen lassen sich bestens miteinander verketten. Bildliches Denken ist nicht nur bei der Komposition von Gemälden wichtig. Auch mathematische Zusammenhänge lassen sich bildlich oft viel einfacher erfassen als begrifflich – und das nicht nur in der Geometrie.   Auch bei wissenschaftlichen Entdeckungen spielt nicht-begriffliches Denken in Form von visuellen Analogien oft eine Rolle. So entdeckte z.B. Friedrich Kekulé die kreisförmige Struktur von Benzol, nachdem er von einer Schlange geträumt hatte, die sich in den Schwanz biss. Und...

Essay: Aufbruch ins Leere

Eigentlich war mein Essay ja gedacht als mein persönlicher Beitrag zur Klimadiskussion. Dass ein Leben mit weniger Konsum und weniger Stress kein Verzicht sein muss, und dass wir mit weniger Verbrauch und folglich auch weniger Produktion besser leben könnten. Es sollte ein Plädoyer für mehr Muße sein. Und für die Langeweile, die ein Tor zu kreativer Begeisterung sein kann. Und ich wollte zeigen, dass Leere – zum Beispiel im Terminkalender – oft auch Freiheit bedeutet. Jetzt ist es gerade einmal ein paar Wochen her, seit mein Essay erschienen ist, und ich finde mich in einer völlig anderen Welt wieder. Die Leere bricht aus. Das Corona-Virus fegt Straßen und Regale leer, und viele Menschen sind zur Muße gezwungen und langweilen sich. So habe ich mir das mit der Leere natürlich nicht vorgestellt. Und ich bin selber fassungslos darüber, wie aktuell mein Essay plötzlich geworden ist. Hier der Link zum Probelesen: https://www.bod.de/buchshop/aufbruch-ins-leere-jupp-hartmann-9783750418363 ...